Religionen im Test

09. November 2011, 05:56 Uhr

Päpste, wie sie nicht sein sollten

Pornokratie, Mord an Konkurrenten, Prozess gegen Leichen: Die Oberhäupter der katholischen Kirche nahmen es mit den zehn Geboten nicht immer ganz genau. Stefan Kuzmany sucht in seinem Buch “Das können Sie glauben!” nach der besten Religion – und findet üble Sünder auf dem Heiligen Stuhl.

Stephan VI., der ab Mai 896 für nur etwa ein Jahr regierte, ließ seinen verhassten Vorvorgänger Formosus exhumieren, um dessen Leichnam den Prozess zu machen. Die Gründe für diesen als Leichensynode bekannten Prozess sind einigermaßen verworren. Kurz gesagt ging es darum, dass Stephan VI. sich gegen den Vorwurf wehren wollte, nicht rechtmäßig Papst, also Bischof von Rom, geworden zu sein, weil er vorher schon Bischof von Anagni gewesen sei. Der Wechsel von einem Bischofsamt (die sogenannte Translation) zum anderen aus Ehrgeiz war jedoch verboten.

Für Stephan traf es sich daher gut, dass auch Formosus vor seiner Papstwahl bereits anderweitig Bischof gewesen war. Im Zuge der Leichensynode wurde dem toten Formosus wegen verbotener Translation die Papstwürde aberkannt, was alle seine päpstlichen Amtshandlungen ungültig machte – und dazu gehörte die Weihe Stephans zum Bischof von Anagni. Da Stephan also von einem Nicht-Papst geweiht worden war, war er gar kein echter Bischof, als er Papst wurde – und alle Vorwürfe, er habe sich der Translation schuldig gemacht, waren vom Tisch. So jedenfalls der Plan.

Der bereits in Verwesung begriffene Körper des Formosus wurde zu diesem Zweck in päpstliche Gewänder gesteckt und auf den päpstlichen Thron gesetzt, um ihn dann in einem Schauprozess endgültig aller seiner Würdenzeichen zu entledigen, dazu noch des Schwurfingers seiner rechten Hand. Der verstümmelte Leichnam wurde sodann auf Stephans Geheiß in den Tiber geworfen; allerdings soll ein hartgesottener Mönch die menschlichen Überreste später herausgefischt und ordentlich bestattet haben.

Der Begründer der Pornokratie

Sergius III., Gegenpapst im Jahr 898 und regulärer Papst von 904 bis 911, verdanken wir die erregende Staatsform der “Pornokratie”, die Herrschaft der Mätressen. Wie sämtliche Päpste des Mittelalters nahm es auch Sergius mit den Zehn Geboten nicht so genau.

Angeblich ließ er seine beiden Vorgänger Leo V. und Christophorus umbringen, möglicherweise hat aber auch Christophorus Leo umbringen lassen, um sich selbst zum Papst zu machen, und wurde dann nach kürzester Zeit von Sergius aus dem Weg geräumt. Sergius hatte ein Verhältnis mit einer gewissen Marozia, aus dem, so behaupten manche Historiker, ein Sohn entsprang: der spätere Papst Johannes XI.

Die päpstliche Mätresse Marozia wurde zur mächtigsten Frau Roms und kontrollierte nicht nur Sergius, sondern auch die folgenden Päpste Johannes X., Leo VI., Stephan VII. und schließlich den mutmaßlichen Sohnemann Johannes XI. Sergius selbst war ein Anhänger seines Vorvorgängers Stephan VI. und ließ als solcher die zwischenzeitlich rehabilitierte Leiche des armen Formosus ein weiteres Mal ausgraben, um ihr diesmal auch noch die restlichen Finger der rechten Hand sowie den Kopf abschlagen zu lassen. Wieder wurden Formosus’ Überreste in den Tiber geworfen, wieder wurden sie von besonders treuen und geruchsresistenten Getreuen herausgefischt und diesmal hoffentlich endgültig bestattet – wenn nicht Benedikt XVI. oder einer seiner Nachfolger doch noch irgendwann auf dumme Ideen kommt.

Gerechterweise muss man anfügen, dass es sich bei Sergius’ Lotterleben auch um Propaganda des papstkritischen Geschichtsschreibers Liutprand von Cremona handeln könnte und wir deswegen zumindest halbwegs davon ausgehen wollen, dass Sergius ein kreuzbraver Mann mit tadellosem Lebenswandel gewesen sein könnte.

Auferstehung der Toten? So ein Unsinn

Bonifatius VIII., Papst von 1294 bis 1303, tat sich nicht nur durch die ausgiebige Verfolgung der Juden hervor, sondern war möglicherweise eine komplette Fehlbesetzung als Anführer der katholischen Gläubigen, da er privat höchst pragmatische Ansichten vertrat.

“Geschlechtsverkehr und die Befriedigung der Naturtriebe ist so wenig ein Vergehen wie Händewaschen”, soll er gesagt haben, Paradies und Hölle sah er nur im Diesseits (“Wer gesund, reich und glücklich ist, hat das Paradies auf Erden”) und noch heute allgemein anerkannte Glaubensgrundsätze waren für ihn nichts als Unfug: “Die christliche Wahrheit ist, dass ein Gott existiert, dagegen ist die Reihe des Unwahren lang, sie schließt Dreieinigkeit, jungfräuliche Geburt, Menschwerdung Christi, die Verwandlung von Brot und Wein in den Leib Christi und die Auferstehung der Toten mit ein”.

Zumindest wird Bonifatius VIII. so von Zeugen in einem Prozess zitiert, der 1310 posthum gegen das Andenken dieses Papstes geführt wurde, und zwar auf Betreiben des französischen Königs Philipp IV., der Bonifatius sowieso nie leiden konnte. Der Prozess blieb insgesamt ergebnislos; womöglich hatte man mittlerweile Besseres zu tun, als gegen tote Päpste zu prozessieren.

Die Gewissensfreiheit? Ein Wahnsinn!

Gregor XVI., Papst von 1831 bis 1846, bleibt unvergessen für sein Lehrschreiben “Mirari Vos”, in welchem er nicht nur jeden Reformbedarf für die katholische Kirche kategorisch als “völlig absurd” ausschloss, sondern auch gleich noch die Gewissensfreiheit als “Wahnsinn” und “seuchenartigen Irrtum” verdammte und die “schrankenlose Denk- und Redefreiheit” anprangerte.

Der Kirchenkritiker Otto von Corvin behauptet, dass man bei Gregor für den Preis von 100.000 Gulden die angenehme Aussicht erwerben konnte, nach dem Tod heilig gesprochen zu werden. Und in seinem Buch “Das Sexleben der Päpste” berichtet Nigel Cawthorne, Gregor habe so engen Kontakt zur Frau seines Barbiers gepflegt, dass er nicht weniger als sieben Kinder mit ihr zeugen konnte.

Cawthorne ist zweifellos höchst glaubwürdig: Er kennt sich so gut in den Betten der Reichen, Schönen und Mächtigen aus, dass er auch “Das Sexleben der Hollywood-Göttinnen”, “Das Sexleben der amerikanischen Präsidenten”, “Das Sexleben der englischen Könige und Königinnen”, “Das Sexleben berühmter Schwuler”, “Das Sexleben berühmter Lesben” und noch einige weitere “Sexleben” beschreiben konnte. Unbedingt, obschon ungeprüft, möchte ich Ihnen auch seine Werke “The World’s Greatest Serial Killers”, “The World’s Greatest Alien Abductions” sowie den etwas überraschenden Band “Katzenbilder” ans Herz legen.

Wie Stefan Kuzmany der Christenverfolgung entgeht, wo heute noch der Heilige Geist niederfährt und einiges mehr über Islam, Judentum, Buddhismus, Scientology und den ganzen Rest können Sie in seinem Buch “Das können Sie glauben!” lesen, das am 11. November 2011 bei S. Fischer erscheint.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,789824,00.html

 

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