Der Spiegel Autoritär, reaktionär, totalitär

Der Spiegel

 03.04.2010

 Versagen der Kirche

 Autoritär, reaktionär, totalitär

 Ein Essay von Reinhard Mohr

 Auf Kritik von außen reagiert die katholische Kirche allergisch – ist nicht ihr Papst qua Amt unfehlbar? Und wer intern das Wort erhebt, wird mundtot gemacht. So erinnert die Kirche an die gescheiterten Großorganisationen des vergangenen Jahrhunderts: die Parteien des Kommunismus.

 http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,687124,00.html#ref=top

http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,687176,00.html

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,686366,00.html

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,687120,00.html

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,687108,00.html

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,687101,00.html  Der Tsunami der Missbrauchsfälle vor allem in katholischen Einrichtungen hat längst eine weit über die unterschiedlichen Ereignisse – zuletzt: die Prügelvorwürfe gegen Bischof Mixa – hinaus weisende Eigendynamik gewonnen. Tag für Tag wird deutlicher, dass die katholische Kirche als weltweite Institution versagt hat. Ihrer selbstverständlichen – und nicht nur christlichen – Pflicht zu schnellstmöglicher Aufklärung und strafrechtlicher Ahndung ist sie vielerorts und in zumindest fahrlässiger Weise nicht nachgekommen.

 Der Verdacht liegt nahe, dass nicht selten auch Absicht dahinter stand: Man wollte das Ansehen der Kirche nicht “beschmutzt” sehen. Die mächtige Organisation des heiligen Glaubens mit dem Papst an der Spitze verteidigte im Zweifel also eher ihre eigene Ordnung und Weltanschauung als die Opfer.

Jenseits aller Unterschiede erinnert dieses Verhalten an ganz andere, weltliche Großorganisationen vergangener Jahrhunderte, allen voran an die einstigen Parteien des sozialistischen und kommunistischen Erlösungsglaubens. Auch sie verwandten ungeheure Energien darauf, die eigene Ideologie “rein und unbefleckt” zu erhalten und alle Zweifler und Kritiker mundtot zu machen. Sämtliche Tatsachen, die ihrem revolutionären Selbstbild und ihren aktuellen politischen Interessen schaden konnten, wurden konsequent bekämpft, unterdrückt, verdrängt oder ausgeblendet. Innerlich erstarrt und fixiert auf ein Feindbild-orientiertes Schwarzweißdenken waren sie zu keinerlei Reformen fähig.

“Die Partei, die Partei, die hat immer recht”, sang Ernst Busch, “und Genossen, es bleibet dabei! Denn wer kämpft für das Recht, der hat immer recht gegen Lüge und Ausbeuterei!”

 Gottgleiche Genossen

 Das, was bis zum heutigen Tage die römische Glaubenskongregation (“Congregatio pro doctrina fidei), die offizielle Nachfolgeorganisation der “Heiligen Inquisition”, ist – Papst Benedikt stand ihr als “Präfekt” von 1981 bis 2005 vor -, das war bei den kommunistischen Parteien Europas Zentralkomitee und Politbüro. Der Katechismus war das Parteiprogramm, und die Liturgie die bombastische Inszenierung von Parteitagen samt Führerkult, der fraglos tief religiöse Züge trug. In einem monströsen Großgedicht, das de facto ein einziges Gebet an den übermenschlichen, gottgleichen Genossen Stalin war, formulierte der Schriftsteller und spätere DDR-Kulturminister Johannes R. Becher stellvertretend für viele die Verbindung von kommunistischer Eschatologie und totalitärem Heldenmythos:

“Stalin: So heißt ein jedes Friedenssehnen/ Stalin: So heißt des Friedens Morgenrot/Stalin beschwören aller Mütter Tränen: Stalin! O ende Du des Krieges Not!…

“Du trittst herein, welch’ eine warme Helle/ Strömt von Dir aus und was für eine Kraft. Und der Gefangene singt in seiner Zelle, Er fühlt als Riese sich in seiner Haft… Im Wasserfall und in dem Blätterrauschen/Ertönt Dein Name, und es zieht Dein Schritt/ Ganz still dahin. Wir bleiben stehn und lauschen/Und folgen ihm und gehen leise mit.

Es hat Millionen von Menschen das Leben gekostet und Jahrzehnte schmerzhaftester Auseinandersetzungen, bis dieses schier allmächtige Gespinst aus Lüge und Herrschaft, Kitsch und Terror weithin überwunden werden konnte. Doch der Prozess von Entzauberung und Ernüchterung, radikaler Selbstkritik und Revision der quasireligiösen Menschheitsutopien war nur möglich, weil es all jene tapferen “Renegaten” gab, die ihren Abfall vom Glauben mit scharfer Intelligenz, theoretischer Stringenz und großem persönlichen Mut – und vor allem: öffentlich – bezeugten.

Schriftsteller wie Arthur Koestler, der in seinem berühmten Roman “Sonnenfinsternis” die absurd-brutale Logik der stalinistischen Schauprozesse Mitte der dreißiger Jahre beschrieb, und Manès Sperber, der in seinem epochalen Werk “Wie eine Träne im Ozean” die Abkehr vom glühenden Heimatplaneten des Kommunismus schilderte, bildeten die Avantgarde dieser Bewegung.

 Zeit für Renegaten – und eine Revolution

Erst danach, jenseits des Absolutheitsanspruchs auf die Wahrheit über die Welt und ihre vorgebliche Rettung konnte, wieder ernsthaft – und vor allem: einigermaßen gefahrlos – diskutiert und gestritten werden. Das Ende des ideologischen Glaubens war der Anfang der Wahrheitssuche.

Könnte es sein, dass der katholischen Kirche ein vergleichbarer Prozess erst noch bevorsteht? Dass auch sie Renegaten braucht, die aufs Ganze zielen und nicht nur auf einzelne Reformen? Dass sich den notorischen Alt-Kritikern wie Hans Küng, Eugen Drewermann und Uta Ranke-Heinemann, die letztlich Außenseiter blieben, viele andere hinzugesellen? Womöglich auch zahlreiche Frauen, die der gerontokratischen Männerherrschaft in Rom den offenen Kampf ansagen?

Gewiss, seit den Zeiten der Französischen Revolution und der napoleonischen Kriege hat der Papst keine Armee mehr, sieht man von der niedlichen Schweizergarde ab. Seine weltweite Mission soll strikt geistlicher Natur sein, und im säkularen Europa ist die Trennung von Staat und Kirche, liberal-demokratischer Gesellschaft und religiöser Überzeugung sowieso längst vollzogen.

Nicht zuletzt: Das Zweite Vatikanische Konzil von 1962-1965 hat einige Reformen und den endgültigen Abschied vom jahrtausendealten Allmachtsanspruch der katholischen Kirche (man denke nur an die Folterpraxis der Heiligen Inquisition) proklamiert.

Unfehlbarkeit dank göttlichem Beistand

Das Prinzip päpstlicher “Unfehlbarkeit” aber blieb bestehen. Es wurde mit dem Konzilsdekret “Pastor Aeternus” auf dem Ersten Vatikanischen Konzil am 18. Juli 1870 unter Papst Pius IX. seinerseits als unfehlbarer Glaubenssatz verkündet:

“Zur Ehre Gottes, unseres Heilandes, zur Erhöhung der katholischen Religion, zum Heil der christlichen Völker lehren und erklären wir endgültig als von Gott geoffenbarten Glaubenssatz, in treuem Anschluss an die vom Anfang des christlichen Glaubens her erhaltene Überlieferung, unter Zustimmung des heiligen Konzils: Wenn der Römische Papst in höchster Lehrgewalt (ex cathedra) spricht, das heißt: wenn er seines Amtes als Hirt und Lehrer aller Christen waltend in höchster apostolischer Amtsgewalt endgültig entscheidet, eine Lehre über Glauben oder Sitten sei von der ganzen Kirche festzuhalten, so besitzt er aufgrund des göttlichen Beistandes, der ihm im heiligen Petrus verheißen ist, jene Unfehlbarkeit, mit der der göttliche Erlöser seine Kirche bei endgültigen Entscheidungen in Glaubens- und Sittenlehren ausgerüstet haben wollte. Diese endgültigen Entscheidungen des Römischen Papstes sind daher aus sich und nicht aufgrund der Zustimmung der Kirche unabänderlich.”

Das hat in den vergangenen Jahren auch der Theologe Professor Gotthold Hasenhüttl, auch er einer jener Handvoll prominenter Kirchenkritiker, leidvoll erfahren müssen. Am Rande des ökumenischen Kirchentages 2003 in Berlin hatte er in der evangelischen Gethsemanekirche (in der 1989 schon der Widerstand gegen die SED-Diktatur formuliert wurde) in Prenzlauer Berg einen “Abendmahlsgottesdienst nach katholischem Ritus” gefeiert, wobei er explizit auch Nicht-Katholiken zur Kommunion einlud. Etwa zweitausend Personen nahmen an der Liturgie teil. Umgehend wurde er durch den damaligen Trierer Bischof Reinhard Marx, der inzwischen gar als “fortschrittlich” und kapitalismuskritisch gilt (“Das Kapital”), am 17. Juli 2003 vom Priesteramt suspendiert.

Die römische Glaubenskongregation lehnte alle Beschwerden Hasenhüttls strikt ab. Per Dekret vom 2. Januar 2006 wurde ihm sogar noch die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen.

Glaubwürdigkeitskrise des Katholizismus

Im Lichte der aktuellen Missbrauchsdebatte mutet dieser Vorgang, der ja nur einer von vielen ist, noch absurder und gespenstischer an: Während das “Heilige Offizium” in der Frage der Treue zur Doktrin (“doctrina fidei”) sofort und erbarmungslos reagierte, ließ es Priester jahrzehntelang unbehelligt, die sich schlimmer Verbrechen schuldig gemacht haben.

Kein Zweifel: Noch immer ist die Kirche weithin ein autoritäres, teils reaktionäres, ja totalitäres System. Daran haben bislang auch kritische Vereinigungen wie “Kirche von unten” und die katholische Laienbewegung “Wir sind Kirche” wenig ändern können.

Und auch jetzt, mitten in der Vertrauens- und Glaubwürdigkeitskrise des Katholizismus, fordern sie vor allem pragmatische Maßnahmen, darunter die Einsetzung einer unabhängigen bundesweiten Ombudsstelle, eine aktive Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft und die Reform der Priesterausbildung.

Noch am Gründonnerstag vor Ostern zeigte sich die Referentin von “Wir sind Kirche”, Annegret Laakmann, im Livegespräch mit dem Berliner “Radio 1” erstaunt darüber, wie schnell sich die Deutsche Bischofskonferenz hinter ihr Mitglied Mixa gestellt habe.

Dies sei ein “erneuter Vertuschungsversuch” statt ihn aufzufordern, sein Amt bis zur Klärung der Vorwürfe ruhen zu lassen. Insgesamt habe die “Welle von Anschuldigungen” ein “großes Nachdenken” in der katholischen Kirche ausgelöst.

Wohin es am Ende führen wird und ob es irgendwann wirklich dazu beitragen könnte, dass die katholische Kirche im 21. Jahrhundert ankommt, das bleibt die spannende Frage.

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