Der Spiegel:Missbrauchsskandal weitet sich aus/Scham fressen Seele auf

Der Spiegel
12.02.2010

Katolische Kirche

Missbrauchsskandal weitet sich aus

Es ist kein Ende in Sicht – ganz im Gegenteil: Der Missbrauchsskandal in katholischen Bildungseinrichtungen weitet sich aus. Nun ist nach SPIEGEL-Informationen auch ein ehemaliges Jungen-Internat in Westfalen betroffen.

http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,677362,00.html

Hamburg – Im westfälischen Werl hat sich mindestens ein Missbrauchsfall ereignet, der vom zuständigen Bistum Paderborn jahrelang verschwiegen wurde. Wie ein Sprecher des Erzbischofs auf SPIEGEL-Anfrage einräumte, wurde bereits im Juli 2002 ein Geistlicher des kirchlichen Jungen-Internats Collegium Aloysianum in Werl “kurzfristig von seinen Aufgaben entpflichtet”. Zuvor war der Priester in den Verdacht geraten, im Spätherbst 1980 “an einem minderjährigen Jungen sexuelle Handlungen vorgenommen zu haben”.

Drei Tage vor der Entpflichtung hatte der Geistliche am 1. Juli 2002 mit dem damaligen Paderborner Erzbischof Joachim Kardinal Degenhardt über den Vorfall gesprochen. Das jahrelange Schweigen begründet das Bistum nun damit, dass das damalige Opfer “den Gang in die Öffentlichkeit bzw. eine Anzeige nicht gewünscht” habe. Das Werler Knaben-Konvikt wurde 2005 geschlossen, der beschuldigte Priester wirkt heute als Hausgeistlicher in einem Altersheim für Nonnen.

“Nur für mich persönlich”

Währenddessen werden im Missbrauchsskandal am Berliner Canisius-Kolleg neue Details bekannt. So lag dem früheren Rektor Karl Heinz Fischer bereits 1981 eine ausführliche schriftliche Schilderung der Missbrauchsvorwürfe gegen einen Jesuitenpater vor. Das brisante Dokument, laut einem Brief Fischers “nur für mich persönlich und den Pater Provinzial” bestimmt, landete aufgrund der “Wichtigkeit des Gesamtkomplexes” offenbar unter Verschluss.

Parallel ordnete Fischers damaliger Vorgesetzter, Jesuitenprovinzial Rolf Dietrich Pfahl, die Versetzung des beschuldigten Pädagogen nach Niedersachsen an, wo der Mann jahrelang weiter mit Jugendlichen arbeiten konnte und wo sich offenbar weitere Missbrauchsfälle ereigneten.

Ex-Provinzial Pfahl will sich heute weder an das Schreiben noch an einen Missbrauchsverdacht generell erinnern. “Mit dem Thema”, so erklärte der mittlerweile 70-Jährige, sei man damals umgegangen, wie mit dem Kaiser von China. “Man wusste, dass es ihn gab, aber er war ganz weit weg.”

Gleichzeitig räumte er ein, den Beschuldigten Peter R. – der für eine Stellungnahme nicht zu erreichen war – “Anfang der achtziger Jahre” persönlich versetzt zu haben. Der Grund dafür seien seiner Erinnerung nach lediglich “Konflikte bei der Jugendarbeit” gewesen.

Der Spiegel

12.02.2010

 Sexueller Missbrauch

Scham fressen Seele auf

Von Barbara Hans

Er musste sich nackt auf ein Sofa legen, und was dann kam, hat seine Seele zerstört: Norbert Denef wurde als Kind jahrelang von einem katholischen Pfarrer missbraucht. Als erstes deutsches Opfer bekam er finanzielle Entschädigung – doch sein Kampf gegen die Kirche ist noch nicht zu Ende.

Der Fall Norbert Denef: Idyll, das eine Hölle war
Hamburg – Es ist dieses eine Bild, diese eine kleine Geste, die sich eingebrannt hat in Norbert Denefs Kopf. Eine Geste, die ein Symbol ist für das, was ihm jahrelang widerfahren ist. Es ist das Bild eines Jungen, der seinen Finger in ein Astloch bohrt, wieder und wieder. So lange und so oft, bis das Astloch irgendwann ausgefranst ist und sein Finger problemlos hineinpasst. Während er dem Astloch an der Seitenwand eines ausladenden Schreibtischs seine ganze Aufmerksamkeit widmet, liegt der Junge nackt auf der Couch.

Es ist die Couch eines Geistlichen.

Jahrelang vergeht sich Pfarrer Alfons Kamphusmann an Norbert Denef, meist auf seinem Sofa, mehrmals in der Woche.

Der Missbrauch geschieht in den Jahren 1959 bis 1966, Denef ist damals zwischen zehn und 16 Jahren alt. Es ist die Zeit, von der er heute sagt, sie habe seine Seele getötet. Nachdem der Pfarrer von ihm ablässt, wird Denef Opfer eines zweiten Kirchenmannes, eines Angestellten, der ihn drei weitere Jahre lang missbraucht.

Es folgen Jahrzehnte des Schweigens. Die Erinnerung an die Vergangenheit verschlägt ihm die Sprache. Ein Jahr lang probt er vor dem Spiegel, um die entscheidenden vier Worte zu sagen: “Ich wurde sexuell missbraucht.”

Er sagt den Satz erst bei einem Familienfest 1993, und die Familie ist empört. Nicht über Pfarrer Kamphusmann, der als Freund der Familie bei den Denefs ein- und ausging. Sondern über Norbert, der es wagte, von Missbrauch zu sprechen. Der Kontakt bricht ab, Denef ist ein Ausgegrenzter.

Die Rechnung: Was hätte er in derselben Zeit auf dem Strich verdient?

Seither ist sein Leben ein Kampf, geführt von seiner Wohnung aus und über die Medien.

Denef kämpft gegen das Verdrängen und eine Kirche, die auf Zeit spielt und bemüht ist, unter den Teppich zu kehren, was nicht sein darf – aber was, wie die aktuelle Debatte über Missbrauchsfälle zeigt, doch viel zu oft passiert.

“Der Gegner ist mir aufgezwungen worden, den habe ich mir nicht ausgesucht”, sagt Denef. Er kämpft auch mit sich selbst, er ringt mit dem Erlebten, mit Schweißausbrüchen und Angstattacken, die ihn noch immer einholen. Mit dem Bedürfnis, nur in kochendheißem Wasser baden zu wollen, um sich selbst zu spüren. Mit der Erfahrung, die eigenen Kinder geschlagen zu haben, weil erlebte Gewalt weitere Gewalt erzeugt.

Denef hat sich seiner Vergangenheit in zig Therapien gestellt. Wer mit ihm spricht, merkt das. Denef weiß, was in jener Zeit mit ihm geschehen ist, als er das Erlebte von sich abgespalten hat, um es ertragen zu können. Er weiß, dass er erstarrte, um überleben zu können.

Doch sein Kampf hatte Erfolg: Der heute 60-Jährige hat geschafft, was bislang keinem anderen Opfer sexuellen Missbrauchs durch Kirchenmänner in Deutschland gelang. Nach jahrelangen Verhandlungen zahlte das Bistum Magdeburg ihm Schmerzensgeld. Denef konnte den Missbrauch beweisen. Die beiden Kirchenmänner hatten gestanden, schriftlich.

Doch wie viel Geld ist Leiden wert?

Wie bemisst man all die Nachmittage auf der Couch des Pfarrers in Geld? Wie vergütet man das Leid eines Lebens, in dem kein Tag vergeht, an dem die Vergangenheit nicht präsent ist, aus dunklen Winkeln nach der Gegenwart greift? In dem Ehefrau und Kinder leiden mussten, weil Denef unter seiner Vergangenheit litt?

Für Norbert Denef war es eine schlüssige Rechnung: Er überlegte sich, was er verdient hätte, wäre er in den Jahren des Missbrauchs auf den Strich gegangen statt zwangsweise in das Bett des Pfarrers. Er addierte Therapiekosten für sich und seine Familie – und kam auf 450.000 Euro. Das Bistum Magdeburg kam auf 25.000 Euro.

Dem Bescheid über das Geld lag eine Erklärung bei, er solle sich verpflichten, nicht öffentlich über das Geschehene zu sprechen. Die Kirche wollte Denef kein Schmerzengeld zahlen, sondern Schweigegeld. Gegen diese Schweigeklausel hat er zwei Jahre lang gekämpft. Am Ende wurde sie gestrichen. Das Geld hat er genommen und will damit eine Stiftung gründen, die sich gegen das “Verschweigen, Verleugnen und Vertuschen sexualisierter Gewalt” einsetzt.

http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,677496,00.html

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